Schlaue Netze alleine genügen nicht

Eine Antwort auf die Frage: „Wie kann eine Energie und Verkehrswende gelingen“, liefern das Buch: „Schlaue Netze – wie die Energie-und Verkehrswende gelingt“, von Weert Canzler und Andreas Knie. Es zeigt auf, wie weitgreifend eine Wende der Infrastruktur erfolgen muss, damit die Erzeugung und der Einsatz der Erneuerbare Energie (EE) Sinn macht. Die Autoren Canzler und Knie kommen in ihrem Buch zu dem Schluss: Eine Energiewende ist nur mit einer Infrastrukturwende des Verkehs sinnvoll. Einen Teil ihrer Gedanken teilen Weert Canzler und Andreas Knie ihren Lesern im Buch mit. Sie sind zum Beispiel der Überzeugung, dass Braun-oder Steinkohlekraftwerke nicht so ohne weiteres durch Windparks oder Solaranlagen zu ersetzen sind. Sie führen die Blockade der einzelnen Projekte auf das bestehende Konstruktionsprinzip der Energiewirtschaft zurück.

Die Umwandlung von Energie der Sonne, des Windes, des Wassers und von Biomasse, in Energie, die für Unternehmen und Haushalte gleichermaßen genutzt werden kann, ist momentan in Deutschland, durch die Energiewende, in aller Munde. Fachleute, die über den Sinn einer Energiewende diskutieren, beschäftigen sich gleichrangig schon langjährig, mit dem Thema der neuen Verteilung der Energie. Genügten zur flächendeckenden Verteilung bisher Stromtrassen, erfordert die zusätzliche Einspeisung Erneuerbarer Energie (EE) eine andere, intelligentere Art der Speicherung und des Stromtransportes.

Schon zum Ende des 19.Jahrhunderts, so die Autoren, hatte der Gründer der AEG, Emil Rathenau, eine Vision von hocheffizienten, fossilen Kraftwerken, die in einem Versorgungssystem dazu in der Lage sind, ganz Europa mit kostengünstigem Strom zu versorgen. Diesem Prinzip folgte die Versorgungswirtschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Es entstand eine leistungsfähige Energiewirtschaft, die, so urteilen Experten, für das 21. Jahrhundert nicht mehr akzeptabel ist. Der Grund: Durch sie wurden überwiegend fossile Brennstoffquellen angezapft und genutzt. Da zu errechnen ist wann diese aufgebraucht sind, macht es in Gegenwart und Zukunft mehr Sinn, alternativen Energiequellen zu nutzen. Die Forschung, ihr Einsatz und das Suchen nach respektablen Speichermöglichkeiten wird in der Zukunft eine weitere große Rolle spielen.

Die Nachteile des bisherigen Systems

Der Einsatz von fossilen Brennstoffe brachte ursprünglich den Vorteil, dass Unternehmen ihre Maschinen mit Strom antreiben und Privatverbraucher am Abend und in der Nacht ihre Räume taghell erleuchten und sie beheizen konnten. Durch diese Möglichkeit schwelgten zahlungskräftige Institutionen und Personen in einem kurzfristigen Wohlstand. Nach einigen Jahren des ungestörten Schwelgens, erfolgte, wie bei einem Genussmenschen der seine Wintervorräte rapide schwinden sieht, die Ernüchterung. In der Folge stiegen die Preise für Öl, Kohle und Gas, weltweit, gravierend. Viele Verbraucher hatten sich inzwischen an die bequeme Art des Energieverbrauchs gewöhnt. Sie machen sich Einerseits wenig Sorgen darum, dass die Vorkommen der Rohstoffe begrenzt sind und klammern sich Andererseits an die bewährte Art der Stromverteilung.

Das bisherige Energiesystem ist überholt, weil:

  • Es auf der Monopolstellung weniger Unternehmen beruht
  • Es zentral gesteuert ist
  • Als einzige Daseinsvorsorge angesehen und nicht nach Alternativen geforscht wurde

Wie momentane Energiesysteme angelegt sind:

  • Fossile und atomar betriebene Kraftwerke tragen die Grundlast der Energieversorgung
  • In den Spitzenlastzeiten werden kleinere, flexiblere Wasser und Gaskraftwerke zugeschaltet

Wenn die Erneuerbare Energie intensiver eingesetzt wird, funktioniert dieses System nicht mehr.

Wie könnte eine neue Energieversorgung aussehen?

Die Energieversorgung umfasst nicht nur die Stromversorgung, sondern auch die Versorgung mit Wärme/Kälte und  ist Antrieb für Fahrzeuge. Eine Tatsache wird dabei, so die Autoren in ihrem Buch, oft übersehen: Die EE marschiert voran, die Verkehrsplanung hinkt hinterher. Damit alles einwandfrei zusammen funktioniert, benötigt die Energie und Verkehrswende neue politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Zu bedenken ist: Die noch gültigen Gesetze der Daseinsvorsorge stammen in ihren Grundzügen aus den Jahren 1934 bis 1936 und haben die Erwartungen an sie in vollem Umfang erfüllt. Jetzt müssen flexiblere Gesetze her, die die EEG in ihrem politischen Gestaltungsumsatz haben und die bisherigen in ihrer Wirkungsweise weit übertreffen sollten. Langfristig denkende Menschen erkannten schon lange die Nachteile des bisherigen Stromverteilersystems für die heutige Zeit. Sie ermittelten und zeigen auf, welche Komponenten im einzelnen verändert werden müssen, damit ein zukünftiges System, auf Basis der EE, reibungslos funktionieren kann.

Ein Ende der fossilen Grundlast wird gefordert

Das die Energiewende nicht kostenlos sein wird, ist Laien und Fachleuten klar. Es gilt, die Kosten so gering wie möglich zu halten und einen optimalen Erfolg zu erreichen. Es entsteht die Frage, wie hoch die Umlagen zur Finanzierung der Wind und Photovoltaikanlagen sein werden und wer die Kosten zahlen wird. Denn diese werden umfangreicher als gedacht.

Was geht mit einer Änderung einher?

Neue Denk- und Handlungsräume müssen gewonnen werden, wenn das gesteckte Ziel, den Energiebedarf  bis 2050 zu hundert Prozent mit EE zu decken, erfüllt werden soll. Es werden intelligente Stromnetze gebraucht, die das zeitweise zuschalten von EE ermöglichen. Es müssen neue Verkehrskonzepte entwickelt werden, die auf postfossile Antriebstechniken zugeschnitten sind und das Auto in ein umfassendes öffentliches Verkehrsangebot integrieren. Canzler und Knie zeigen, mit visionärem Weitblick, wie in der Zukunft Energiekonzepte zu dezentralen Versorgungseinheiten verknüpft werden können. Es geht nicht nur um eine Umstellung auf EE sondern um eine Änderung des bestehenden Umbaus des Infrastruktursystems. Das beinhaltet, das Diskussionen um ein anderes Verständnis der staatlichen Aufgaben geführt werden müssen. Es sind zusätzlich, schrittweise, Änderungen in der Transportbranche erforderlich. Die bisherigen zentralen Strukturen müssen  in eigenverantwortliche gewandelt werden.

Es ist unumgänglich, so die Meinung der Autoren, die sektorale Fixierung-hier Verkehr dort Energiekonzept- aufzugeben. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht der „Prosumer“, der, mit Hilfe unterschiedlicher Systeme Energie erzeugt und sie zugleich nutzt. Die politischen Rahmenbestimmungen werden von völlig neuer politischen Gestaltungsansätzen gebildet. Mit diesen nötigen Voraussetzungen, so prognostizieren die Autoren, ist eine Energiewende in eine postfossile Moderne zu schaffen.

Politiker nehmen Stellung

Renate Künast sieht, in einem Pressegespräch bei der Vorstellung des Buches, die Stärke der neuen Energie in der Zusammenführung der Energie- mit einer Verkehrswende. Die zivil gesellschaftliche Dynamik, die die Energiewende ermöglicht habe, könne auch bei der Jahrhundertaufgabe einer Verkehrswende mitwirken. Sie ist der Meinung, dass das vorliegende Buch wichtige Denkanstöße zum Verhältnis Staat und Zivilgesellschaft gibt. Renate Künast wundert sich, dass es bisher nur wenige sozialwissenschaftliche Beiträge zur Energiewende gibt, obwohl die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Transformation ein lohnendes Forschungsthema sei. Sie empfiehlt das Buch, weil es im wissenschaftlichen Diskurs zwischen Technik und Ökonomie, eine Lücke füllt.

Die Autoren von “Schlaue Netze”

Weert Canzler bearbeitet Mobilitätsthemen im Rahmen der WZB-Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik. Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums Mobilität und gesellschaftlicher Wandel (InnoZ) und Professor an der TU Berlin. Die Politologen sind Gründer der Projektgruppe Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Schlaue Netze, von Weert Canzler und Andreas Knie,Oekom-Verlag, 130 S. 9,95