Frustrierte Sparer in Deutschland erkennen – andere Europäer haben mehr Vermögen

Mühsam wird Kindern jahrelang von Eltern und Großeltern vermittelt, dass nur derjenige in Notzeiten etwas hat, der rechtzeitig vorsorgt. Es werden Sparschweinchen gefüttert sorgsam gehütet und ihr Inhalt, später, auf ein Sparkonto eingezahlt. Deutsche sind gute Sparer, denn fast fünf Billionen Euro haben sie, brutto gerechnet, an Geldvermögen zusammen getragen. Im internationalen Vergleich, so schlussfolgern Verbraucher und Experten, müssten Deutsche, überdurchschnittlich viel Vermögen besitzen. Zum Erstaunen von Laien und Experten zeigt eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) ein gegenteiliges Ergebnis. Demnach besitzen private Haushalte in Deutschland, nach einer Umfrage in 62.000 Haushalten, weniger Vermögen als Privatpersonen in fast allen anderen Ländern Europas. Woran liegt das?

Die Legende vom Reichen Deutschen und armen Südeuropäer

Das Ergebnis erstaunt Finanzexperten und Politiker. Sie reagieren ungläubig und oft mit Abwehr und der Befürchtung, dass die Rettung des Euro, beim Bekanntwerden der Zahlen, ins Wanken gerät.

Wer der Studie glauben schenkt, kommt zu der Überzeugung, dass die deutschen Steuerzahler dumm sind. Sie nagen demnach quasi am Hungertuch und greifen den vergleichsweise reichen Südländern mit Hilfskrediten unter die Arme. Immerhin sind inzwischen, laut Statistischem Bundesamt, fast 20 Prozent der Bevölkerung Deutschlands von Armut oder einer sozialen Ausgrenzung bedroht. Offensichtlich ist, dass der private Reichtum in den südlichen Ländern Europas nicht ausreichend zur Finanzierung der Staatskrise herangezogen wird.

Kritiker bezweifeln die Aussagen der Studie.

Es gibt unterschiedliche Meinungen zum Thema. Einige halten die Studie der EZB für nicht aussagekräftig, da sie methodisch fehlerhaft sei.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert, dass bei der Berechnung die hohen Rentenansprüche in Deutschland berücksichtigt werden müssen. Dem steht entgegen, dass in internationalen Studien die deutschen Rentenansprüche an den Staat eher unterdurchschnittlich bewertet werden. Mehr Aussagekraft hat der Einwand, das in südeuropäischen Haushalten mehr Personen leben und sich das Einkommen auf mehr Personen verteilt und dadurch sinkt.

Eine Unrichtigkeit bei der Datenerhebung für die EZB Studie sorgte dafür, dass das Immobilienvermögen in Spanien falsch berechnet wurde. Demnach lagen die Daten aus dem Jahr 2009 zugrunde. Damals hatten die Häuser noch einen höheren Wert. In Deutschland trägt zum Beispiel die Wiedervereinigung zum durchschnittlichen geringeren Durchschnittseinkommen bei. Als Begründung wird das geringe Vermögen der 17 Millionen Ex-DDR-Bürger gesehen.

Eine aktuelle Studie der Banca d’Italia stützt diesen Befund

Das Vermögen in Deutschland beträgt demnach das 1,8-fache des Bruttoinlandproduktes (BIP). Da der Betrag, nach dem Abzug der Verbindlichkeiten, nur noch das 1,5-fache beträgt, landete Deutschland auf dem vorletzten Platz der Rangliste. Die Spanier bilden das Schlusslicht.

Da das Immobilienvermögen der Spanier hoch ist(2010 betrug es das fünffache der Jahreswirtschaftsleistung), verschlechtert sich der Rang von Deutschland gravierend, wenn die Immobilienwerte der Spanier ihrem Gesamtvermögen zugefügt werden.

Selbst wenn der seit dieser Zeit statt findende Rückgang um 20 bis 30 Prozent berücksichtigt wird, ist ihr Immobilienvermögen immer noch gewaltig. In Italien, Frankreich und Großbritannien lag der private Häuserbesitz 2010 beim drei- bis vierfachen des BIP.

Warum besitzen Deutsche nur wenige Immobilien?

Nur die Hälfte der in Frage kommenden Privathaushalte besitzt ein Haus. In anderen Ländern Europas können Immobilien nur schwer ver- oder gemietet werden, weil der Wohnungsmarkt stärker reguliert wird. Der geringe Marktwert deutscher Immobilien hat unterschiedliche Ursachen. In den neuen Bundesländern ist zum Beispiel der Marktwert von Häusern niedrig und deren Preisstagnation war lang. Das änderte sich erst in den Jahren nach 2010. Laut Studie ist ein weiterer Grund des geringen Immobilienvermögens bei Deutschen, dass ein vergleichsweise großer Wohnungsbestand im staatlichen Besitz ist.

Warum  kaufen nur wenige Deutsche ein Haus oder eine Wohnung?

Wer die Studie aufmerksam liest, stellt fest, dass Deutsche fleißige Sparer sind. Da sie weniger Immobilien kaufen, müssten die Vermögenswerte, rechnerisch, höher sein. Eine Erklärung warum das nicht so ist, liegt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit darin, dass Sie sorglich abwägen, wem sie ihr sauer Erspartes anvertrauen, oder, worin sie es investieren. Am Liebsten, zu mehr als 40 Prozent, legen sie auf ein Bankkonto. Da die Verzinsung momentan nur geringfügig ist, bringt das nur einen geringen Anstieg der Vermögenswerte. In ihrem Bestreben nach einer finanziellen Sicherheit liegen sie international aber nur, nach Japan, an der zweiten Stelle.

Nach dem Sparschwein sind es die Versicherungen, die mit einem guten Drittel am Finanzvermögen das Sicherheitsbedürfnis decken. Mit einem Aktienanteil von nur 17 Prozent riskieren sie wenig, um ihr Vermögen anwachsen zu lassen. Wenn doch etwas gewagt wird, sind es eher Fonds als Einzeltitel, die von etwa 11 Prozent der deutschen Haushalte gekauft werden. Im Umkehrschluss wird festgestellt, dass 89 Prozent der in Frage kommenden Haushalte nicht von der jüngsten Aktienhausse profitierten.

In den Vereinigten Staaten, in Frankreich und Italien, ist diese Quote der Aktienbesitzer deutlich höher. In Amerika und Großbritannien investieren auch die privaten Rentenfonds stärker in Aktien. All dies sind Gründe für die im internationalen Vergleich überraschend geringen Vermögen der Deutschen.